Peter D. Zettel
So sehe ich es

Prolog

Kann etwas Sinn für einen selbst beinhalten, das man tatsächlich gar nicht kennt?

Ja, das kann es. Das ganze Leben „funktioniert“ nach diesem Prinzip. Es ist so eine Art ungewisses Wissen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zum Beispiel die Schönheit einer Kirschblüte ist ja nicht von der späteren Ernte abhängig. Auch Würde, Liebe, Respekt, Ehre und Loyalität sind genauso wie Vertrauen oder Höflichkeit an keinerlei Bedingungen geknüpft.

Alles, was das Leben lebenswert macht, ist von nichts andrem abhängig, von absolut nichts. Naja, obwohl, so ganz stimmt das nicht. Es ist nämlich von einem selbst abhängig, genauer von der eigenen Haltung. Man muss Schönheit wahrnehmen können, genauso wie Würde und Respekt et cetera. Aber darin steckt ja auch Hoffnung. Die Kirschblüte blüht nicht um ihretwillen, sondern, unter anderem, wegen dessen, was danach möglich sein wird. Sie wird nie eine Kirsche erleben, und doch ist sie auch ihretwegen. Und genau so ist es auch mit Würde oder Respekt. Oder mit Loyalität und Ehre.

Sie alle haben einen Sinn, der aber nicht in ihnen selbst liegt. Für sich allein gesehen sind sie einfach nur schön oder würdevoll und so weiter, nicht mehr, doch sie haben letztlich einen viel tieferen, weitergehenden Sinn. Das „Ergebnis“ werden sie selbst nicht erleben, so wenig wie eine Kirschblüte niemals eine Kirsche erleben wird. Gleichwohl haben sie einen immanenten Sinn, doch ohne dass sie oder wir um das Ergebnis wissen könnten. Wie aber erleben wir Sinn? Darüber lohnt sich nachzudenken. Und wie drücken wir den Sinn, den wir erkannt und / oder erfahren haben durch unsere Haltung aus?

Ich denke, wir wissen implizit um Sinn und Sinnhaftigkeit, doch wir müssen das auch explizit leben. Betrachten wir die Kirschblüte, dann liegt deren Sinn - vordergründig gesehen - in der Kirsche, doch der Sinn der Kirsche liegt wieder in etwas Anderem. So gesehen ist Sinn die Gewissheit, das nach einem selbst etwas Anderes, Weiterführendes kommen kann, das, dem man dem Weg bereitet. Es ist eine Art Option auf die Zukunft, die aber nie endet, sondern immer weiter „fortgeführt“ wird, in wieder einen anderen Sinn münden wird.

Es ist die Hoffnung, die Erwartung, das „Guter-Hoffnung-Sein“.

Die Kirschblüte ist Wegbereiter für etwas anderes, wie auch wir, wenn wir Sinnhaftigkeit erleben, und doch erleben wir den Sinn selbst, wir haben nicht das Gefühl, dabei zu „dienen“. Und darum sind Würde, Liebe, Respekt, Ehre und Loyalität genauso wie Vertrauen oder Höflichkeit die Vorwegnahme von etwas Anderem, Späteren, noch nicht Konkretem und dabei doch schon sehr Realem, eine konkrete, wenn auch noch unbekannte Möglichkeit. Das ist der „Sinn“, den wir im Leben suchen, die Schönheit, die Eleganz, die Magie des Seins, die sich in und durch eben diesen Sinn offenbart und realisiert.

Sinn erfahre ich, so wie die Kirschblüte, nur dann, wenn ich mir darüber im Klaren bin, dass ich etwas Anderem, über mich selbst hinweg Reichendes, den Weg bereite. Nicht in dem Sinn von Dienen, sondern in dem Verständnis von etwas notwendigerweise Vorweggehendem. Sinnhaftes finden wir nur in dem, was über das eigene Leben und Erleben und damit über uns selbst hinausweist. Und das finden wir eben nicht in unserem Leben, sondern in dem Leben selbst.

Wir dürfen dabei nicht materialistisch denken, denn so wie die Kirschblüte nicht nur eine „Vorstufe“ der Kirsche ist, sondern sie ist ja wesentlich mehr. So wie wir auch. In allem, was wir tun, steckt all das, was wir denken, ob bewusst oder nicht bewusst, und exakt so gestalten wir die Welt. Wir sollten nur nicht glauben, dass das, was ein anderer nicht sieht, nicht doch in der Welt ist. Nicht nur unsere Visionen werden erst dann klar, wenn wir in Ihr eigenes Herz schauen können, wie C. G. Jung es formulierte, unser ganzes Sein wird erst dann klar! Und genau damit realisieren wir die Welt.

Es ist zwar schwer vorstellbar, aber wir leben ja letztlich in einer geistigen Welt, Avataren nicht unähnlich. Wir dürfen dabei nur nicht wie sonst meistens in zeitlichen, klar von einander abgegrenzten Kategorien denken, denn Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verschmelzen hier nicht zu Einem, sie sind Eines; voneinander fragmentiert sind sie nur in unserem Denken und Erleben.